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Leinland-Ideen werden Wirklichkeit

Vor dem schmiedeeisernen Gartenzaun und dem kleinen Holzschuppen hatten sich Blätter aller Herbstfarben zu riesigen Haufen aufgetürmt. Seit Ende September spielten die Herbstwinde im Garten mit dem Laub der Bäume ihr Spiel und erschufen farbenfrohe Teppiche und Muster auf jeder freien Fläche, die sie finden konnten. Eigentlich liebte ich dieses Spiel der Winde, zeigte es mir doch, dass ich nicht die Einzige war, die gerne Bilder formte. Daher mochte ich den Herbst.

Der Haken an der Sache war nur, ich musste das Laub im Garten zusammenkehren und auf den Komposthaufen schmeißen. Ich hasste das! Nicht, dass ich nicht gerne draußen war, aber aufräumen und Ordnung machen gehörten nun einmal nicht zu meinen Lieblingsaufgaben. Wahrscheinlich war meine Einstellung zur Ordnung der Grund, warum meine Eltern mir diese Tätigkeit übertragen hatten. Ich sollte lernen, Freude daran zu entwickeln, das Chaos zu bändigen.
Mir war klar, dass sie es gut mit mir meinten. Also nahm ich jedes Jahr den Rechen und kehrte die Blätter zusammen. Wer weiß, vielleicht lernte ich ja tatsächlich etwas daraus. Heute war es mal wieder soweit. Erst widmete ich mich den Haufen, damit ich die schönen Muster auf dem Rasen und den Wegen beim Arbeiten länger betrachten konnte. Es war erstaunlich: Jedes Blatt hatte eine andere Farbe und manchmal sogar mehrere. Dazu kam, dass jedes Blatt auch eine andere Form hatte. Aufgrund dieser Möglichkeiten entstanden stets einzigartige Kollagen. Sie zu betrachten, was noch besser, als Wolken zu beobachten. Es fiel mir schwer, diese Kunstwerke zu zerstören, doch am Ende mussten auch sie weichen.
Als ich mich gerade mit einer Handvoll Laub auf die Knie fallen ließ, um für die Igel ein paar Blätterhäufchen unter dem großen Rhododendronbusch zu verstecken, damit sie es sich im Winter in unserem Garten gemütlich machen konnten, fegte eine Windböe durch den Garten und verteilte fruchtig-modrige Herbstdüfte im Garten. Welke Blätter umwirbelten mich und ich lauschte ihrem Rascheln, wenn sie zusammenstießen und gemeinsam auf den Terrassenfliesen und Gartenwegen ein Tänzchen wagten.

Dabei kam es mir so vor, als mischte sich ein Flüstern unter das Rascheln. „Tanz mit mir“, wisperte es. Zuerst dachte ich, ich würde mal wieder tagträumen und schüttelte den Kopf, um mich in die Realität zurückzuholen. Doch das Wispern wurde lauter. „Komm schon, tanz mit mir“, sagte mir eine helle Stimme und diesmal war ich mir ganz sicher, dass ich sie mir nicht einbildete. Woher kam sie nur? „Hier bin ich“, flüsterte es wieder und ich folgte den Worten über den Rasen in Richtung Teich. „Jetzt bist du fast da“, hörte ich, als ich mich der kleinen Terrasse am Ufer näherte.
Obwohl der Wind abgeflaut war, bewegten sich einige der Blätter über die Steine. Sie begannen, sich zu einer Art Muster zusammenzulegen. Ich ging näher heran und da erkannte ich es. Es war kein Muster, sondern eine Gestalt, ein Männchen aus verschiedenen Blättern, Samen, Farnen und Zweigen und mit roten Hagebuttenaugen. „Wer bist du?“, fragte ich erstaunt, zückte mein Handy und machte ein Foto. „Ich bin der Herbst, wer sonst?“, lachte das Männchen und sein Mund, geformt aus zwei Hartriegelblättern, öffnete sich zu einem breiten Lachen.

„Komm, tanz mit mir“, sagte das Männchen noch einmal und zwinkerte mir zu. Dann begann es auf dem Boden zu tanzen, schmiss beide Arme aus Farnwedeln nach links, dann nach rechts, bewegte die Hüften aus Löwenzahn im Kreis und machte ein paar Sprünge. Dann klatschte es mit seinen Efeuhändchen und sogleich begannen andere Blätter auf der Terrasse im gleichen Rhythmus zu rascheln. Das war ein Herbstsound, dem ich nicht widerstehen konnte und so begann ich zu tanzen, mit dem Rechen erst in der einen, dann in der anderen Hand. Schließlich wirbelte ich ihn um mich herum, bis ich ihn als meinen Tanzpartner zu einer Abschlusspose lachend über mein Knie legte. Als ich meinen Blick wieder auf das Männchen richtete, klatschte es mir Applaus, bevor es sich im Wind einer leichten Böe auflöste. Ich hörte noch ein leises „Tschüss“, dann war es fort.

„Was machst du denn da, Hanna?“, tönte es nun durch das geöffnete Küchenfenster. Diese Stimme kannte ich, sie gehörte meiner Mutter. „Nur ein kleines Tänzchen mit dem Herbst, nichts weiter“, antwortete ich und schenkte ihr ein breites Lächeln. Dann begann ich gut gelaunt, die Blätter auf der Terrasse zu einem Häufchen zusammenzufegen.

Schickt mir eure Laubbilder an leinland@ennothek.de oder über #leinland auf instagram. Ich freue mich auf eure Beiträge!

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