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Leinland-Ideen werden Wirklichkeit

Sein Magen knurrte, als er die Tür aufsperrte. Es war still im Haus, so still, dass er seine innere Wut nicht nur spürte, sondern in seinen Ohren rauschen hörte. Er hasste diesen Augenblick, in dem er feststellte, dass er allein zuhause war, er nicht wusste, wo sie war und wann sie nachhause kommen würde. Nie erzählte sie ihm, was sie vorhatte.

Ihre Abwesenheit würde bedeuten, dass er wieder einmal warten musste. Aus Erfahrung wusste er, das konnte dauern, den ganzen Nachmittag lang und vielleicht noch bis in die Nacht hinein. Ein paar Male war sie gar nicht nach Hause gekommen. Er war irgendwann morgens von selbst wach geworden und war zur Schule gegangen, viel zu spät, aber immerhin hatte er sich aufgerafft.

In der Küche stand auch diesmal nichts für ihn bereit, nur der Abwasch der letzten Tage, der sich auf den schmutzigen Ablagen stapelte. Er öffnete den Kühlschrank und seufzte. Nichts außer einer verschimmelten Möhre und abgelaufener Milch. Wütend knallte er die Kühlschranktür zu und ging unschlüssig durch den Raum. Ich brauche dringend etwas zu essen, dachte er. Mit finsterer Miene beobachtete er die Staubpartikel, die träge im Licht der hereinfallenden Sonnenstrahlen zu tanzen schienen. Sein Blick glitt weiter bis zu den schmutzverschmierten Fensterscheiben. Es war mehr ein Instinkt als ein Gedanke, der ihn zur Haustür gehen, sie aufreißen und hinaustreten ließ.

Heute werde ich nicht warten, dachte Egbert, als er die steile Straße durch die bizarre Kohlelandschaft hinunter ins Dorf lief. Seine Wut schürte seinen Tatendrang und verdrängte die Hilflosigkeit, die ihn beim Warten oft überkam. Zu laufen fühlte sich gut an und er lief immer schneller, bis er die Dorfstraße erreichte.

Plötzlich nahm er die Gerüche wahr, den Duft des frischen Brots beim Bäcker und den der Honigteilchen im Café nebenan. Die herzhafte Würze von Hotdogs, die ihm aus dem kleinen Restaurant von gegenüber in die Nase stieg, veranlasste ein schmerzhaftes Ziehen in der Magengegend. Seine Füße bremsten ab und schlugen fast automatisch den Weg in Richtung Imbiss ein, der Spur der Hotdogs folgend. Da fiel ihm ein Junge auf, ein grauer, schmaler Graphitstift. Er hatte ihn gelegentlich in der Schule gesehen. Der Junge lehnte an der Hauswand in der Nische direkt neben dem Imbiss, beide Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Mit lauerndem Blick beobachtete er einen Mann, der gerade mit seiner Familie aus dem Restaurant trat und sich sein Portemonnaie in seine Jackentasche steckte. Als die Familie den Weg in Richtung Marktplatz einschlug, folgte ihr der Junge. Schon nach ein paar Metern hatte er aufgeholt und ging im Gleichschritt hinter dem Mann her. Es war offensichtlich, dass er sich bemühte, keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Egbert beobachtete gebannt, wie der Junge blitzschnell, wie ein flinkes Wiesel, seine Hand in die Jackentasche des Mannes gleiten ließ und das Portemonnaie herausholte. Binnen Sekunden war es in seiner eigenen Tasche verschwunden und dann verschwand der Junge in einer Seitenstraße. Egbert überlegte nicht lange und lief hinterher. Als er um die Ecke bog, sah er den Jungen hinter den Mülltonnen stehen. Der Kleine zog ein paar Scheine aus der Geldbörse. „Du bist ein Dieb!“, rief Egbert. „Ich verpfeife dich!“ Als der Junge Egberts laute Stimme hörte, zuckte er zusammen. „Bitte nicht!“, erwiderte er. Seine Stimme klang jung und Egbert sah, wie sich seine Augen angstvoll weiteten. Ein kaltes Grinsen huschte über Egberts Gesicht. „Wenn du teilst, überlege ich es mir vielleicht noch einmal“, sagte er und ging langsam auf den Jungen zu. Zum ersten Mal seit langem fühlte er sich lebendig und dem Leben gewachsen. „Ich war so dumm zu warten“, murmelte er. „Ab jetzt nehme ich mir, was ich brauche.“

Hast du auch Lust, eine Geschichte über Egberts Vergangenheit zu schreiben? Vielleicht über den Moment, indem Egbert entdeckt, dass er Dinge verwirklichen kann? Oder, wie und warum er die Gorilfs erfand? Schick uns deine Geschichte! Wenn du möchtest und deine Eltern es erlauben, veröffentlichen wir sie gerne in diesem Blog, damit auch andere sie lesen können. Natürlich kannst du auch gerne ein Bild dazu malen. Also ran an die Stifte und los geht’s!

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