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Leinland-Ideen werden Wirklichkeit

„Schon wieder diese Kopfschmerzen“, denkt Lila und vergräbt seinen brummenden Schädel im Kopfkissen. „Na komm schon, du musst jetzt aufstehen, sonst gehen die anderen gleich ohne dich!“, ruft sein Vater Stifetto Colori vom Treppenabsatz zu ihm herauf.

Seine acht Geschwister wuseln bereits seit einer halben Stunde laut im Haus herum, nur Lila liegt noch im Bett. Selbst als Baby Weiß in sein Zimmer krabbelt, ihm die Decke wegzieht und sich kichernd darunter versteckt, kann sich Lila nicht aufraffen, aufzustehen. Er kann noch nicht einmal über seine kleine Schwester lachen, die mit tapsigen Bewegungen versucht, zu ihm ins Bett zu steigen. Er fühlt sich schlapp, müde und irgendwie krank.

Als er es endlich an den Frühstückstisch schafft, mustert Mutter Pinsella ihn mit kritischem Blick: „Du siehst nicht gut aus, du bist blass“, bemerkt sie und fühlt seine Stirn. „Kein Fieber. Was machen wir denn heute mit dir?“, fragt sie unschlüssig. „Passt schon. Ich gehe zur Schule und dann lege ich mich einfach heute Nachmittag noch einmal hin“, antwortet Lila und klingt dabei lebhafter, als er sich fühlt.

In der Schule kann sich Lila nur schlecht konzentrieren. Schon in den ersten Minuten des Matheunterrichts schwirrt ihm der Kopf und das Dividieren im siebenstelligen Bereich geht in jeder zweiten Aufgabe schief. Wie gut, dass sich Lila mit den meisten Zahlen gut versteht – wie ihr sicher auch schon festgestellt habt, führen viele der Zahlen nicht nur in Leinland ein Eigenleben – daher helfen sie ihm heute und sortieren sich in seinem Heft so, dass die Ergebnisse stimmen, zumindest einigermaßen.

Im Kunstunterricht zeichnet Lila mit seinem Finger ein Stillleben. Ihm fällt auf, dass sein violetter Strich heute blasser wirkt als sonst. Nach einer halben Stunde löst sich gar keine Farbe mehr von seinem Finger, auch, als er sich die Hände mit Öl einreibt, um die Farbe auf seiner Haut zu aktivieren, was eigentlich immer funktioniert. Ratlos betrachtet er seine Finger und bemerkt, dass einige Kuppen der rechten Hand graue Flecken aufweisen, als wäre die Farbe mit der obersten Hautschicht einfach abgeblättert. Lila erschreckt. Was ist das?
„Ich schlage vor, du gehst direkt zum Arzt. Das sollte sich wirklich ein Fachmann ansehen“, sagt sein Lehrer, als er ihm seine Hände zeigt. Über das Padibris – das ist ein selbstständig fliegendes Blatt, auf das man eine Nachricht schreiben und ihm den Bestimmungsort zuflüstern kann – informiert er seine Mutter und sie treffen sich bei Doktor Griffello.

„Das ist wirklich merkwürdig“, sagt der Arzt nach der Untersuchung, während er sich mit gerunzelter Stirn über ein großes Buch beugt und durch die Seiten blättert. „Was könnte es denn sein?“, fragt Pinsella besorgt. Unsicher wiegt Doktor Griffello den Kopf hin und her. „Im besten Fall ist es eine vorübergehende Störung, verursacht durch das schnelle Wachstum des Jungen“, erklärt der Doktor, dann macht er eine Pause.

„Und im schlimmsten Fall?“, hakt Pinsella nach. „Tja, im schlimmsten Fall ist es der graue Panther, eine Krankheit, die zur vollständigen Entfärbung und zum Verlust der Wahrnehmung und oder auch von Gefühlen führen kann. Und die grauen Flecken auf Lilas Haut und ihre rasante Vermehrung deuten tatsächlich daraufhin.“
„Der graue Panther?“ Pinsellas und Lilas Augen weiten sich. Sie werfen sich ängstliche Blicke zu. Dabei bemerkt Pinsella nun auch einen kleinen, grauen Fleck auf Lilas Wange.

„Die Krankheit heißt Panther, weil es ein wunderschönes Gedicht über einen Panther in Gefangenschaft gibt, von einem Dichter aus der Menschenwelt. Dieses Gedicht hat zwar nichts mit dem Thema Krankheit zu tun, beschreibt aber das Endstadium der Krankheit ziemlich gut.“
„Oje, ja, das Gedicht kenne ich“, flüstert Pinsella. Sie holt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und tupft sich damit die feuchten Augen.
„Was kann ich gegen die Krankheit tun?“, fragt Lila. Pinsella spürt, dass auch ihr Sohn mit den Tränen kämpft.

„Wenn du wirklich an dieser Krankheit leiden solltest, gibt es zwei Dinge, die wir tun können. Erstens musst du regelmäßig eine Medizin einnehmen. Zweitens musst du jeden Tag zweimal täglich deine Haut mit einem besonderen Öl einreiben, damit sie sich erholen kann.“
Das klingt doch machbar“, sagt Pinsella hoffnungsvoll. Doch der besorgte Unterton des Arztes weckt ihr Misstrauen. „Das Problem ist, dass die Medizin von einer Pflanze stammt, die nicht in dieser Welt wächst, sondern in der Menschenwelt. Und weil die Krankheit so selten ist, haben wir davon nichts vorrätig. Das bedeutet, dass Sie die Pflanze auf eigene Faust besorgen müssen, damit ich daraus die Medizin fertigen kann. Dafür benötige ich nur ein bis zwei Stunden, sobald ich die Pflanze habe. Die wirklich schlechte Nachricht ist jedoch, dass die Zeit drängt.“ Doktor Griffello fällt es nicht leicht, den beiden Coloris eine schlechte Nachricht nach der anderen präsentieren zu müssen. Er seufzt und fasst sich nervös an sein Brillengestell.

Pinsella schluckt. „Wie sehr drängt die Zeit denn?“
„Wir haben, denke ich, vier Tage. Wenn die Medizin später eingenommen wird, kann es sein, dass irreversible Schäden entstehen.“ „Irrev …was?“, wirft Lila ein. „Irreversible Schäden sind bleibende Schäden“, ergänzt der Doktor.
Erneut schluckt Pinsella. Sanft legt sie eine Hand auf die Schulter ihres Sohnes. Dann kommt ihr eine Idee: „Mein Mann und ich sind Kreateure. Wir können Dinge zeichnen und Wirklichkeit werden lassen. Es dürfte doch kein Problem sein, sich auf diesem Wege die Pflanze zu besorgen?“, fragt sie, doch der Doktor schüttelt energisch den Kopf, so dass seine feinen, tintenblauen Haare um seinen Kopf wirbeln.
„Nein, eben nicht. Die Intensität des Wirkstoffs ist in einer verwirklichten Pflanze nicht hoch genug, um diese Therapie durchführen zu können. Auch nicht, wenn sie Dutzende der Pflanzen kreieren. Das Prinzip ist das gleiche, wie bei verwirklichter Nahrung. Die ist ja geschmacklich auch nur eine schlechte Kopie des natürlich gewachsenen Vorbildes. Es fehlt einfach ein Großteil der Nähr- und Geschmacksstoffe.“
„Ok, das verstehe ich“, sagt Pinsella. Sie wird unruhig, denn ein Plan in ihrem Kopf nimmt Gestalt an. Es gilt nun, alles über die Pflanze zu erfahren, damit sie in der Lage sein werden, sie aufzustöbern. Dann wird sie mit Lila nachhause gehen und den Familienrat einberufen. Danach muss gepackt werden, denn noch heute Nachmittag werden einige der Coloris aufbrechen, um nach der Medizin für Lila zu suchen, schließlich haben sie keine Zeit zu verlieren.
„Wo müssen wir nach der Pflanze suchen und wie sieht sie aus?“, fragt sie und ihre Stimme klingt plötzlich fest und entschlossen. Der Doktor wirft ihr einen mitleidigen Blick zu. Nach einem kurzen Zögern sagte er „Die Pflanze wächst … ? “.

So, jetzt seid ihr gefragt. An welchem Ort soll die Pflanze für Lilas Medizin wachsen? Schreibt es mir in die Kommentarfunktion! Das Los wird entscheiden, wo die Reise der Coloris im zweiten Teil der Geschichte hingehen wird. Ich freue mich und bin ganz gespannt auf eure Ideen!

Kennst du das Gedicht „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke? Der österreichische Dichter hat es vor über 100 Jahren geschrieben. Es ist so schön und traurig zugleich, dass man Gänsehaut bekommt. Schlag es mal nach, dann weißt du, was Lila blühen könnte. Hast du eigentlich auch schon einmal ein Gedicht geschrieben? Wenn ja, schicke uns gerne eines deiner Werke!

1 Comment

  1. Anne Sonntag
    8. November 2020 @ 13:00

    Ich würde in Frankreich nach Lavendel suchen. Bin gespannt.

    Reply

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